Sonntag, 18. Juni 2017

#43 Wenn wir uns begegnen.

Wir bewegen uns wie Naturgewalten.
Ich die Feuersbrunst, die alles verschlingt. Die den Landstrich verödet hinter sich lässt,
suchend nach dem, der sie bezwingt.
Du der Wirbelsturm, der alles mit sich reißt, nie stillsteht, stets in Bewegung bleibt, bis dich irgendwann jemand zum stoppen bringt.
Wer kann uns bezwingen, wer kann uns stoppen und wer kann uns halten?

So ziehen wir Kreise und Bahnen und jeder lässt sich irgendwie treiben,
Felder gehen in Flammen auf und ganze Landstriche zerstieben zu Staub,
und warum sollte man auch stehen bleiben?
Warum verweilen wo einfach nichts ist? Nichts, außer Asche und Scherben.
Warum zusehen welche Schneisen man schlägt, welche Leben man auslöscht,
welche Bürde man trägt? Da ist nichts, nur endloses Sterben.

Was dann folgt, haben wir nicht kommen sehen.
Es ist Spannung, die in den Lüften liegt.
Ich kann das Kribbeln spüren, diese Anziehungskraft, die Unvorhergesehenes schafft.
Aus dem Nichts entsteht da dieses Feld, wie zwischen zwei Magneten
das uns verbindet, das jeden von uns hält,
das uns plötzlich zueinander zieht.
Und dann gibt's nur noch einen Weg zu gehen.

Gezogen von unsichtbaren Fäden und schneller als Schall und Licht,
bewegten wir uns an den einen Ort, hielten inne und verharrten.
Nur eine Hand breit, die uns trennt,
während Funken sprühen und die Luft um uns brennt,
viel zu lange mussten wir warten.
Und doch genießen wir den Moment.


Als du dich rührst, kann auch ich mich nicht halten
und was nun folgt, das ward noch nie gesehn.
Ein Kuss, der Reaktionen in Gange setzt, Kräfte, die Kerne spalten.
Ein Beben, das durch alle Adern pulsiert
Ein Zittern, das den Moment gefriert
Ein Herzschlag, der alles in Bewegung bringt
Ein Gefühl, das in all eure Herzen dringt,
wenn die Liebe den Hass zu Boden zwingt.

Ist die Spannung verklungen, ist der Nebel verraucht
kehrt die Stille zurück, brechen die Wolken auf,
und der Tag wird in goldenes Licht getaucht.
Uns wird silbernes Mondlicht die Nacht versüßen
während sich Sternschnuppen über den Himmel ergießen.
Nur du und ich und diese Licht,
und die Welt, die endlich von Frieden spricht.

Bis die Zeit uns erneut auseinandertreibt
und uns nur noch die süße Erinnerung bleibt.
Dann hält die Welt erneut den Atem an,
wenn sich Feuer und Sturm ihre Bahnen brechen,
und an dem, der uns trennt, denkt immer daran,
werden wir uns ohne Gnade rächen.
Es werden Berge versetzt, es wird Feuer regnen,
solange, bis wir uns wieder begegnen.

Samstag, 17. Juni 2017

#42 Regeneration.

Ich bin allein. Ich war ziemlich viel allein in den letzten 1 1/2 Wochen. Und ich merke deutlich, wie wichtig das gerade ist. Ich habe den Pause-Knopf gedrückt.
Letztes Wochenende habe ich schon sehr viel Zeit nur mit mir und für mich verbracht. Aber offensichtlich hat das nicht gereicht. Montag musste ich von der Arbeit früher nach Hause gehen, weil ich einfach völlig fertig war und die Augen kaum noch offen halten konnte. Dienstagmorgen bekam ich Schweißausbrüche und schlief fast im Türrahmen ein, als ich dann wieder im Büro war, weshalb ich nur ein, zwei Dinge erledigte und dann wieder nach Hause ging. Und da blieb ich den Rest der Woche.

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt so unglaublich erschöpft gewesen bin. Kleinigkeiten sind unglaublich anstrengend, Menschen sind teilweise schwer zu ertragen. Aber wenn ich jetzt mal zurückschaue, wird mir auch klar, dass ich die letzten 3 Monate quasi durchgängig auf Volldampf gelaufen bin. Fast jeden Tag irgendwas im Kalender, immer unterwegs, immer on the road. Und dazu immens wenig Schlaf, meist 3-5 Stunden pro Nacht. Nicht vorsätzlich, sondern weil mein Körper einfach so lief. Egal wie früh ich schlafen ging, ich wachte eben auch immer wieder viel zu früh auf. Selbst in der letzten Woche und trotz der immensen Erschöpfung fiel es mir super schwer, einfach mal auszuschlafen.

Es kam so unglaublich viel zusammen in der letzten Zeit, gerade emotional gesehen habe ich Meilen zurückgelegt. Gleichzeitig habe ich mich in den Trubel gestürzt, um mit meinen geradezu beängstigend großen Schritten nicht allein sein zu müssen. Für den Moment war das alles gut so, offenbar hatte ich die Kraft dazu ja irgendwie. Aber manchmal merkt man eben nicht, dass man gerade schon hart an den eigenen Reserven kratzt - bis sich dann irgendwann der eigene Körper vehement bemerkbar macht und das Ende der Kräfte ansagt.
Hätte ich das kommen sehen können? Vielleicht. Aber viel ändern können hätte ich vermutlich nicht. Zuletzt lief ich auch eher noch automatisch, einfach weil da so viel los war in mir. Das hat sich letzte Woche (vgl. letzter und vorletzter Blogpost) dann in jeglicher Hinsicht entladen.
Ich komme mir dabei irgendwie ein bisschen vor, wie ein verrückter Wissenschaftler, der eine Idee hat, Tage und Nächte im Labor verbringt, nur das eine Ziel vor Augen, immer weiter und weiter - und dann: Heureka! Um anschließend erschöpft zusammenzubrechen.
Rückblickend scheint das irgendwie mein Rhythmus zu sein und immer wieder ähnlich abzulaufen. Doch die Abstände werden länger, die Wellen flacher und die Emotionen weniger bedrohlich. Die Arbeit, die ich in den letzten Jahren hart investiert habe in mein Verständnis von mir selbst, trägt so langsam Früchte. Natürlich ist da noch Luft nach oben, aber es wäre auch maßlos überzogen, von mir selbst zu erwarten, dass jetzt alles perfekt läuft. Also betrachte ich die Fortschritte einfach als solche und fühle mich daher tatsächlich beruhigt.

Ich habe ein bisschen Angst davor, am Montag wieder in den Alltag zurückzukehren, weil ich irgendwie befürchte, dass ich den Ansprüchen nicht genügen kann - meinen eigenen und denen meiner Umwelt. Auch wenn meine Kollegen und Freunde zum größten Teil wissen wie ich ticke, kostet es mich doch immer wieder Überwindung, offen zu kommunizieren, dass ich gerade nicht so leistungsfähig bin wie ich es gerne wäre.
Bis dahin werde ich einfach versuchen, mir selbst noch möglichst viel Gutes zu tun. Das hat in den letzten Tagen schon verblüffend gut geklappt. Ich habe sehr viel schöne Musik gehört, momentan stehe ich total auf instrumental (z.B. sowas) und auf episch (oder sowas). Ich habe Hörbücher gehört, ich habe sogar gelesen (was ich in den letzten Jahren nur sehr selten konnte, weil lesen immer als erstes wegfällt, wenn emotional viel los ist bei mir). Ich habe Eistee selbst gemacht und bin tatsächlich ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Ich war einkaufen und spazieren, immer mit Musik in den Ohren. Und ich habe es wirklich genossen, einfach nur mal mit mir und für mich zu sein. Und nicht mehr wegzulaufen vor allem, was da in mir vorgeht. Da ist es wieder, dieses "Wachstum". Und egal wie schnell es manchmal geht und wie groß und beängstigend es scheint - ich kriegs hin. Das ist so schön!

Freitag, 9. Juni 2017

#41 Gelobt sei ich.

Nach mehreren Tagen intensiven Abfucks genieße ich gerade sehr, dass ich seit gut 12 Stunden das Gefühl habe, wieder richtig atmen zu können.
Während sowohl der Mittwoch als auch der Donnerstag einmal so richtig ganz weit runter in den Abgrund (und danach wieder hinaus) geführt haben, war der Freitagmorgen gemäßigt. Ich lief wieder einigermaßen im Takt, ich konnte mich so langsam wieder konzentrieren, aber dennoch war da dauerhaft dieses nagende, unterschwellige, leicht panische Gefühl, dass einfach alles von jetzt auf gleich doch (wieder) in sich zusammenfallen könnte. Dass es eben doch nicht gut ist, alles nur Schein. Und auch wenn ich nach außen hin wieder funktionierte - das ist dennoch ziemlich anstrengend. Auch ein wenig schmerzhaft.

Ich hatte heute mein meist zwei-, manchmal auch dreiwöchentliches Therapiegespräch. Als ich zur Tür reinging, dachte ich, dass ich heute eh nur heule und dass es vermutlich keinen Sinn macht und dass mir gerade eh nicht zu helfen sei. Ich wurde mal wieder eines Besseren belehrt. Natürlich habe ich geheult. Natürlich ging auch viel Zeit dafür "drauf", mich einfach nur auszuschütten. Mich zu beklagen und darüber aufzuregen, dass es Punkte gibt, an denen ich einfach nicht weiterkomme. Der Großteil des Gesprächs drehte sich um solche Dinge. Aber manchmal reichen 5 Minuten von 50 vollkommen aus, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der jeglichen kläglichen Laut in den Schatten stellt. Das waren die 5 Minuten, in denen mir gespiegelt wurde, was ich eigentlich so alles schaffe und leiste und bewältige. Die 5 Minuten, in denen ich nochmal zurückblickte auf früher. Darauf, wie es mal war und darauf, wie es heute ist. Darauf, dass ich zu anderen Zeiten in vollkommener Sicherheit unterwegs war und dennoch rotierte ohne jeglichen Halt. Darauf, dass ich mich heute in ausgeprägte Unsicherheit begeben habe, weil das MEIN WUNSCH war und ist, und dass ich immernoch auf meinen Beinen stehe, zwar manchmal ins Wanken gerate, aber am Ende dennoch immer gewinne.
Ich neige noch immer dazu, stetig nur auf meine Fehler zu achten. Auf das, was ich eben nicht gut genug gemacht habe. Das, was hätte besser sein können. Und dabei lasse ich vollkommen außer Acht, was ich eigentlich stetig bewerkstellige. Und wie verdammt nochmal gut ich das eigentlich mache. Meine Ansprüche an mich sind immens. Ich habe wohl irgendwann gelernt, dass sie das sein müssen, um irgendwie bestehen zu können. Dass ich hart zu mir sein und mich treten muss, damit ich ordentlich was leiste. Bei all diesem Druck, den ich mir selbst mache, vergesse (oder vermeide?) ich es stetig,  mich selbst gut zu behandeln. Sanft mit mir umzugehen. Mich auch mal zu loben. Mir eine Pause zu gönnen von all den Anforderungen. Und dabei ist das so unglaublich wichtig - und vor allem tut es unglaublich gut.
Diese Erkenntnis, die Erinnerung an diesen Umstand, brachte mich innerhalb kürzester Zeit zurück auf den Boden. Als ich zur Tür wieder raus ging, war ich so unglaublich klar. Gelassen. Ruhig. Zufrieden. Und fest entschlossen, mir selbst mehr Liebe zu widmen.



Gelobt sei ich

Gelobt sei ich, denn ich gebe nicht auf. Ich ackere, ich kämpfe, ich nehm Schmerzen in Kauf. Ich bin unzerstörbar, selbst wenn ich in Trümmern liege. Ich bin immer noch da, weil ichs gebacken kriege. Hab schon unüberwindbare Berge bezwungen und vom Gipfel mein Lied in die Nacht gesungen. Bin so oft fast in tobenden Wellen ertrunken und am Ende doch nie zu Boden gesunken.

Gelobt sei ich, weil ich weiter will. Denn Stillstand gleich Tod, also steh ich nicht still. Ich bewege mich, winde mich um Kanten und Ecken, denn ich bin es so Leid, mein Ich zu verstecken. Also ging ich den Schritt, schrie mich raus in die Welt, hab mich nackt und verletzlich der Furcht gestellt. Habe Schmerz geerntet, aber Liebe gesät und verstanden, dass es immer noch weiter geht. Dass ein Ende auch ein Anfang ist und dass ich mehr sein will, als nur ein Statist. Dass mein Fortschritt in meinen Händen liegt und dass meine Attitüde siegt.

Gelobt sei ich, weil mich Neugierde treibt. Weil der Mut was zu wagen mein Steckenpferd bleibt. Und auch wenn die Angst mich zu lähmen scheint, ich hab noch jedes Mal meine Kräfte vereint. Hab der Kälte mein Feuer entgegensetzt, hab die Dürre mit Tropfen von Herzblut benetzt. Ich sah, wie der Tropfen im Boden verrann und ich spürte, dass ich zu wachsen begann.

Gelobt sei ich, weil ich Liebe wähle, mich nicht länger als nötig durch Distanzen quäle. Weil "aufeinander zu" meine Lösung ist, weil niemand "voneinander weg" vermisst. Weil ich Hände reiche, weil ich alles gebe, weil ich mit euch und für euch und durch euch lebe.

Gelobt sei ich, weil ich das Leben liebe. Höhen und Tiefen, Streichler und Hiebe. Weil ich am Ende jeden Tag genieße, ob ich nun lache oder Tränen vergieße. Weil das alles einem Wunder gleicht, weil alles, was ich will, mein Herz erreicht. Ich hab so viel bekommen und hab so viel zu geben. Gelobt sei ich, denn ich liebe das Leben.

Mittwoch, 7. Juni 2017

#40 Schmerz gegen Schmerz.

Heute können sie mich alle mal kreuzweise. Die scheiß Hormone, die dachten, dass heute wirklich ein super Tag für ein Tief ist. Die scheiß Emotionen, die jedes Mal aufkommen, wenn ich über längere Zeit nicht alleine war und dann plötzlich mit Stille konfrontiert bin. Das Wetter kann mich mal, weil es immer so beschissen passend ist. Und all dieses sinnlose Geschwurbel in meinem Kopf, das kann mich erst recht mal.

Heute war ein stürmischer Tag und das in jeder Hinsicht. Ich wusste es schon zeitnahe nach dem Aufstehen, als mir zum ersten Mal fast die Tränen kamen, aber ich habe dennoch nicht kommen sehen, dass es mich so dermaßen krass umwatscht. Und dann kam eben viel Scheiß zusammen. Ein Arzttermin, der mir tierisch auf die Nerven ging. Mein Schreibtisch, der nach drei Tagen Abwesenheit Stoff für gefühlte zwei Wochen aufwies. Und die Stille. Diese gottverdammte Stille.
Sie sind immer da, meine Gedanken. Meine Sorgen. Meine Ängste. Aber vor dem Hintergrund der Stille werden sie erst recht laut. Gehässig. Böse. Und so mächtig. So mächtig, weil ich mich schützen muss. 
Das ist tatsächlich das Absurde an der ganzen Sache. Ich tue mir selbst weh damit, um mich darauf vorzubereiten, dass es wirklich weh tun könnte. Ich muss gewappnet sein, mich abhärten. Dicht machen. Mich abschotten. Mit dem Schlimmsten rechnen. Mauern hochziehen. Die Waffen schärfen. Und während ich das tue, bereite ich mir selbst den gröbsten Schmerz. Ich reiße Wunden auf, die niemals entstehen müssten. Dann verbinde ich sie, indem ich mich in Beton gieße. Und am Ende gewinnt niemand - und ich verliere.

Den Ausstieg fand ich dank zweier sehr, sehr lieber Menschen, die mich in schriftlicher Form und telefonisch durch den Tag begleitet haben. Irgendwann wusste ich, dass ich da so nicht liegen bleiben kann. Dass dieser Mechanismus, der schon so oft gegriffen hat, einfach keinen Nutzen hat, außer eine Illusion der Kontrolle herzustellen - die man am Ende eben doch nicht hat. Und, dass es hier um eine Entscheidung geht. Um eine erneute Entscheidung dafür, ein Risiko einzugehen. Für eine Sache, die so großartig und wunderschön ist, dass es sich in jedem Fall lohnt. Ich habe diese Entscheidung schon sehr oft getroffen. Und eigentlich weiß ich auch, dass ich sie immer wieder treffen werde.
Also stand ich auf. Ich kämpfte mich durch ein Labyrinth aus Beton, ich schrie innerlich an gegen die gehässigen Stimmen in meinem Kopf.  Ich wandelte Angst zu Wut und Wut zu Antrieb. Ich füllte die Stille mit Musik. Ich ersetzte die Starre durch Bewegung. Und ich entkam der Hölle. Der Sturm legte sich. 
Eine gewisse restliche Traurigkeit blieb und ist auch jetzt noch da. Aber das ist okay. Gedanklich tätschele ich sie ein wenig liebevoll, sie ist mir so gut vertraut.

Nun sitze ich hier und schreibe "die Reste weg", mit einem Sandwich, Schokokeksen und einem Glas verdammt gutem, teurem Whisky. Dazu begleitet mich die Stimme von Mandy Harvey, einer tauben Sängerin, die ihr Gehör durch eine Erkrankung verlor, dann aufgab - und sich am Ende dafür entschied, dass Aufgeben keine Option ist. Sie trat bei "America's got Talent" auf. Normalerweise stehe ich echt nicht auf sowas, aber ihr Auftritt und ihre Geschichte haben mich wirklich bewegt. Daher verlinke ich euch hier mal das Video: Klick! Mit den Lyrics zu "Try" verabschiede ich euch in diesen traumhaft schönen, ruhigen Abend.


I don't feel the way I used to
The sky is grey much more than it is blue
But I know one day I'll get through
And I'll take my place again

If I would try
If I will try
Oh
There is no one for me to blame
'cause I know the only thing in my way
Is me

I don't live the way I want to
That whole picture never came into view
But I'm tired of getting used to the day

So I will try
So I will try

If I would try
If I will try
Oh

Samstag, 27. Mai 2017

#39 Die Einkaufsliste.

Ich weiß, einige von euch sehen das sicher anders, aber wenn ich so über mein alltägliches Leben nachdenke, würde ich eigentlich sagen, dass ich mich so in ca. 80 - 90% der Zeit einigermaßen normal verhalte. Unauffällig ist jetzt zwar auch nicht das Wort, mit dem ich mich beschreiben würde, aber ich springe auch nicht jedem gleich ins Auge.
Es gibt allerdings Dinge, die machen plötzlich alles ganz schnell ganz anders. Zum Beispiel wenn ich beim einkaufen feststelle, dass ich mein Handy vergessen habe. Also kommen wir doch heute mal zu einer Episode aus der Reihe "Ganz normaler Wahnsinn".

Ich stehe im Marktkauf. Der standardmäßige Move, mit dem ich mein Handy aus meiner Umhängetausche ziehen will, ergibt einen Griff ins Leere. Fuck. Ich hab das Ding zu Hause vergessen. In meinem Kopf geht eine Fehlermeldung ein.

Problem 1: Ich kann keine Musik hören. Das tue ich nämlich eigentlich ständig außerhalb meiner eigenen 4 Wände. Ich liebe es, mich einfach ein bisschen abzuschirmen und in meiner eigenen Welt durch die Gegend zu tänzeln. Gerade an Tagen wie heute, an denen ich vom Vortag noch ein wenig platt bin, blende ich die Geräusche um mich herum gerne aus, weil ich sie einfach als anstrengend empfinde. Introvert Day. Aber gut, heute also keine Musik. Ich werde es überleben.

Problem 2: Ohne Handy keine Einkaufsliste. Dieses Problem ist tatsächlich gewichtig. Ich gehöre nicht nur zu den Leuten, die sogar Schreibfehler auf dem Einkaufszettel korrigieren - für mich ist meine Einkaufsliste mein Kompass. Meine Navigation durch wirre Gänge. Und heute ist das gleich doppelt doof, denn ich bin für das Abendessen von 5 weiteren Personen verantwortlich.
Es soll Hot Dogs geben. Ich bin 28 Jahre alt und habe noch nie in meinem Leben für Hot Dogs eingekauft. Aber gut, sammeln. In meinem Kopf bete ich also herunter, was ich brauche: "Brötchen, Würstchen, Scheibenkäse, geriebenen Mozzarella, Mayo und Senf (Ketchup haben wir schon), Gurken, Röstzwiebeln." Ich wiederhole das Ganze mehrfach, ein bisschen so wie man auf dem Weg von der Zapfsäule zur Tankstellen-Kasse immer wieder gedanklich "Die drei! Die DREI!" vor sich hin murmelt. Dann gehe ich los, ich bin gewappnet.
Brötchen, Senf und Mayo sind kein Thema, auch der Käse findet schnell den Weg in den Wagen. Dann kommen die Herausforderungen. Ich stelle mir Fragen, von denen ich auch nie gedacht hätte, dass sie mal auf mich zukommen: Sind Hot Dogs noch Hot Dogs, wenn man keine Hot Dog Würstchen sondern normale Bockwürstchen kauft? Darüber philosophiere ich noch im Hinterkopf, während ich vordergründig "Röstzwiebeln, lieber Gott, gib mir endlich Röstzwiebeln!"-betend durch die Gänge irre. Am Ende werde ich fündig. Ich bin jetzt schon ganz müde. Aber die größte Herausforderung kommt ja noch: Gurken. Ich hasse Gurken. Woher soll ich als Gurken-Hasser denn bitte wissen, welche Gurken man auf Hot Dogs packt? Ich kann nicht mal googlen, denn ich habe ja kein Handy dabei. Also bleibt mir nur noch eins ... ich muss irgendwen ansprechen.
 Der erste Versuch schlägt gleich mal fehl, der gute Mann spricht - scheinbar - nur polnisch. Dann finde ich ein junges Pärchen, das vielversprechend aussieht.
"Entschuldigung, darf ich Ihnen mal eine doofe Frage stellen? Sie sehen aus, als wüssten Sie das vielleicht ... Wenn mich Freunde bitten, Gurken für Hot Dogs zu kaufen ... welche kaufe ich denn dann?"
Beide schmunzeln, vielleicht schauen sie auch ein bisschen mitleidig. Dann antwortet die Frau: "Da brauchen sie diese schwabbeligen Dänischen!"
Ich muss lachen, sehe dabei aber wohl zugleich so verwirrt aus, dass sie mich zum Gurkenregal begleitet und mir die Richtigen raussucht. Ich bedanke mich artig, werfe einen skeptischen Blick auf die "schwabbeligen dänischen" Gurken in meiner Hand - und kaufe zur Sicherheit noch ein Glas Sandwichgurken, weil ich mir einfach nicht helfen kann: So richtig vertrauenswürdig ist die Beschreibung eben nicht.
Geschafft. Nichts wie raus hier.

Am Ende bin ich ein bisschen stolz, als ich zu Hause auf mein Handy schaue und die Einkaufsliste abhake. Ich habe tatsächlich nichts vergessen. Aber ich bin auch ganz schön fertig jetzt. Introvert Problems. Zeit für einen Mittagsschlaf.

Freitag, 26. Mai 2017

#38 Ebbe und Flut.

Der folgende Text entstand in einem der ganz dunklen Momente. Das hier ist kein Hilferuf, es ist ein Augenzeugenbericht. Es ist eine Erinnerung. Dieser Text ist nicht lang und doch offenbart er viel von mir und macht mich damit gleichzeitig sehr verletzlich. Dies ist mir bewusst. Euch hoffentlich auch.


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Es ist wie stumme Taubheit, die langsam vorankriecht. Es beginnt in der Brust, bahnt sich langsam seinen Weg. Ein schwaches, ganz leicht kühles Kribbeln. Dann werden die Gliedmaßen schwer. Zuerst die Arme, von den Schultern ausgehend. Eine merkwürdige, stellenweise schwer auszuhaltende Spannung überzieht meinen Nacken. Die Spannung pulsiert. Sie wird phasenweise stärker und wieder schwächer. Und jedes Mal, wenn sie sich ein Stück zurückzieht ... jedes Mal, wenn Ebbe ist, dann wird die verbleibende Leere gefüllt von dunkler, zäher Traurigkeit.
Es können Momente sein zwischen Ebbe und Flut, manchmal sind es Stunden. Ich weiß nicht, was von beidem ich lieber mag. Wenn die Taubheit unerträglich wird und ich das Gefühl bekomme, dass ich mich aus meiner eigenen Haut schälen will, um endlich wieder irgendwas zu fühlen, dann vermisse ich die Trauer fast. Und wenn sie mich dann irgendwann erfüllt und ich an den Punkt komme, an dem ich endlich weinen will und ich dabei doch gegen eine scheinbar unsichtbare Wand laufe ... wenn ich dann schreien könnte vor Schmerz und Wut und Hilflosigkeit, dann wünsche ich mir die Taubheit zurück. Das befreiende Nichts. Nicht grundsätzlich befreiend, aber wenigstens für den Moment. Es ist ein Wechselspiel ohne Gewinner.

Während ich schreibe, kehrt so langsam das Gefühl in meine Finger zurück. Schreiben ist ein gutes Ventil.

Heute ist ein Tag, an dem es mich unerwartet getroffen hat. Oft sehe ich es ja irgendwie kommen, kann mich wappnen, suche mir Wege. Heute war ich nicht vorbereitet. Und dann wird es meistens besonders fies. Dann kommen viele, viele alte Glaubenssätze hervor. Dann geht es nicht nur um das Gefühl des Verlassenseins, sondern auch um Minderwertigkeitskomplexe. Um das Gefühl, nicht zu genügen. Darum, isoliert und abgekoppelt zu sein - oder sich zumindest so zu fühlen. Die Überzeugung, nichts richtig machen zu können. Die Angst, dass mich das alles ewig verfolgen wird. Der Gedanke, dass die Sonne da draußen nur am Himmel steht um mich auszulachen. Es sind diese Tage, an denen ich mich schäme dafür, dass ich ich bin.

Es gibt Pflaster, die ich auf diese Wunde kleben kann. Ich habe einige Möglichkeiten, dieses Empfinden beiseite zu schieben und mich zu betäuben. Durch Menschen, durch jegliche Art von Betäubungsmitteln, durch Fernsehen, durch Aktivität, durch Essen oder Schlafen oder Arbeiten. Aber jeder dieser Wege ist eben nur ein Pflaster.
Es gibt Tage, da ist es gerechtfertigt, sie zu nutzen. Ein sehr weiser Mensch sagte mal zu mir: "Du musst nicht immer an dir arbeiten, du darfst auch mal eine Pause machen!" Aber heute ist kein Tag für eine Pause. Heute schaue ich dem Gefühl ins Gesicht. Ich banne es auf Papier, lasse es kleiner werden. Ich kann spüren, wie es sich langsam zurückzieht und die Lähmung nachlässt. Für den Moment kann ich wieder atmen.
Das war sicher nicht unsere letzte Begegnung. Es war nur eine von vielen auf einem sehr langen und sehr anstrengenden Weg. Füher waren es Gebirge, die ich zu bezwingen hatte. Heute sind es meist nur noch Hügel. Aber auch diese können manchmal noch sehr schwer zu bezwingen sein, wenn man sich auf dem Weg den Fuß verletzt hat. Gerade bin ich oben angekommen. Ich werde mich jetzt setzen und versuchen, den Ausblick zu genießen.

Montag, 1. Mai 2017

#37 Chaos und Neubeginn.

Irgendwie spielen wir doch dauerhaft Jenga. Immer wieder suchen wir uns einen mehr oder minder tragenden Aspekt unseres Lebens aus, an dem wir arbeiten, in dem wir uns verändern. Manchmal suchen wir ihn uns auch nicht so wirklich aus, sondern "er" findet uns. Manchmal springen die Dinge uns einfach an: "Hallo, hier bin ich übrigens. Eigentlich war ich schon immer da, du hast mich halt nur nicht so richtig beachtet, aber jetzt bin ich hier und ich werde groß und bedeutend und jetzt, herzlichen Glückwunsch, mach was aus mir!" Wir wählen den Stein also, oder er wählt uns. Und dann ziehen wir ihn heraus aus dem Turm, der da eben noch so fest und überzeugend stand.
Oft sind es nur kleine Angelegenheiten, ein Kinderspiel. Vielleicht ein bisschen Spannung für einen Bruchteil eines Moments, aber leicht zu verschmerzen. Locker mitzunehmen. Und dann gibt es da noch diese Steine, die eigentlich tragend wirken - aber irgendwie hast du gerade keine andere Wahl. Dir wird klar, dass das hier jetzt deine Baustelle ist. Dass es jetzt hieran zu arbeiten gilt. Du kommst nicht daran vorbei. Also nimmst du den Stein vorsichtig zwischen die Finger. Vielleicht zitterst du. Vielleicht lässt du dir viel Zeit, vielleicht gerätst du dabei wirklich ins Schwitzen. Dann ziehst du ihn - und der Turm beginnt zu wanken.
Man kennt diese langen Sekunden, in denen nicht sicher ist, ob nicht einfach alles, was man bisher gebaut hat, gleich in Gänze in sich zusammenstürzt. Das innere Chaos, wenn man sich fragt, ob man nicht einfach den falschen Stein gewählt hat. Ob es nicht anders gegangen wäre. Aber es gibt Spielregeln. Man hat gewählt. Jetzt folgen die Konsequenzen. Und wenn die ewig langen Sekunden des Wankens vorüber sind, dann zittert man erneut, wenn man den Stein vorsichtig obenauf legt, vielleicht ein erneutes Schwanken und schließlich die Ruhe folgt. So in der Art funktioniert das wohl, das mit dem "wachsen".

Ich bin gerade mal wieder mittendrin in so einem "Wachstum". Ich kann schwerlich sagen, zum wievielten Mal der Turm gerade wankt, ein wenig habe ich den Überblick verloren. Die letzten Tage, Wochen, Monate waren stark geprägt von Bausteinen, die ich selbst wählte und von solchen, die mich gewählt haben. Und manchmal schien der Turm schon eingestürzt zu sein, bis mir schließlich bewusst wurde, dass ICH noch stehe. Zwischen all diesen Steinen, all diesen Entscheidungen, bin ich selbst schwer ins Wanken geraten. Zeitweise wusste ich überhaupt nicht, was mir eigentlich noch bleibt und was ich verliere. Was ich behalten will und was nicht. Und auch jetzt setze ich mich noch damit auseinander, wie es eigentlich weitergehen soll. Wo ich wirklich hin will. Manches ist größer geworden als ich dachte. Und manches hat sich kaum bewegt, obwohl ich vermutet hatte, dass an diesen Punkten das größte Einsturzrisiko besteht. Aber wie auch immer ich die einzelnen Steine betrachte: Ich stehe noch. An manchen Tagen mehr schlecht als recht, manchmal will ich auch einfach nur in mir zusammenfallen. Und dann kommt ein neuer Tag. Nächste Chance.
Diese Zeiten haben auch Gutes. Sie zeigen deutlich, auf wen man zählen kann und auf wen man besser nicht bauen sollte. Wie die Menschen um mich herum mit mir und meinen Schwankungen umgehen, sagt mir oft viel mehr über sie als über mich. Und mir wird immer klarer, wer bleibt und wer geht - und von wem ich mir wünsche, dass er bleibt oder geht. Also sortiere ich. Menschen, Beziehungen, Ziele, Ideen, Träume. Ich richte mich neu aus. Greife alte Baustellen auf, an denen ich schon sehr lange arbeiten wollte und schaffe mir den Boden dafür. Und gleichzeitig nehme ich mir Zeit, um mich zu verabschieden von dem, was mir lieb und teuer war und teilweise auch noch immer ist, mir aber nicht bleiben wird. Denn auch wenn dieser Beitrag nach Hoffnung und nach Neubeginn klingt, so bin ich doch traurig. Und auch diesem Gefühl gebe ich den Raum, den es benötigt.

Wenn das Chaos im eigenen Kopf abklingt, wenn das Wanken sich legt, dann kommt da manchmal dieser kurze Moment, in dem mir klar wird, dass jedes Ende eben auch ein Anfang ist.

In diesem Zusammenhang haben gleich mehrere Menschen in der letzten Zeit mir gegenüber Hesse zitiert, was mich ein wenig zum schmunzeln brachte und dazu führt, dass ich heute selbiges tun werde. Ich schließe also mit einer Passage aus dem wunderbaren Gedicht "Stufen".

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
 Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

Ich hoffe, euer Leben verzaubert euch ein wenig. Habt einen schönen Abend!